Literaturkurs zeigte Die Welle

Es funktioniert offenbar immer wieder: Durch autoritäre Führung, Uniformität und Verzicht auf Individualität lassen sich Menschen für beinahe jedes Projekt begeistern. Was der Sozialpädagoge Ron Jones 1967 in einer Schulklasse ausprobierte, Dennis Gansel 2008 in einem hoch gelobten Film in deutsche Kinos brachte, zeigte der Theaterkurs der Jahrgangsstufe 12 unter der Leitung von Britta Klesper jetzt in der Aula des Städtischen Gymnasiums.
Lehrer Rainer Wenger, dessen Autorität der 18-jährige Hauptdarsteller Lars Mense beeindruckend auf die Bühne bringt, möchte die Klassengemeinschaft stärken. Das Geschieht nicht über lange Diskussionen, sondern einheitliche Kleidung und strikte Regeln. Schnell wird aus der Gruppe von zwölf Individuen eine uniforme Masse. Auch wenn jeder für sich mit der Verwandlung anders umgeht - was die vom Literaturkurs mit viel Detailgespür ausgearbeitete Inszenierung an Musterbeispielen intensiv beleuchtet -, lassen sich doch alle nach wenigen Tagen schon instrumentalisieren. Wie im echten sozialpsychologischen Experiment bricht auch in der Bühnenfassung der Lehrer sein gewagtes Spiel mit den Schülern ab.
Erst jetzt werden alle psychologischen Folgen sichtbar. Tim, wahnsinnig gut gespielt von Mira Hoffmann, dreht völlig durch und greift zur Waffe, andere Schüler zerbrechen innerlich und äußerlich.
Trotz der Dramatik am Ende unterliegen die Macher der Gütersloher Bühnenversion nicht der Versuchung, jede aktuelle Diskussion mit dem zeitlos brisanten Thema von Autorität und Machtmissbrauch zu verknüpfen. Es bleibt bei Andeutungen und Denkanstößen, die der Stoff zu genüge bietet. Die Inszenierung des Literaturkurses bot so Unterhaltung mit Anspruch, ohne belehrend zu wirken. Dass das Publikum offen für das Thema war, zeigten sowohl der guten Besuch mit über 400 Zuschauern als auch der große Schlussapplaus für die Mitwirkenden.
Die Welle

